Eine standardmäßige Desktop-Virtualisierung kommt bei Windows 7 in einigen Versionen mit. Dazu muss die 64-bittige Hardware aber über die Virtualisierungserweiterungen verfügen (Intel VT oder AMD-V). Dann können Anwendungen, die immer noch Windows XP als Basis benötigen, in dieser virtuellen Maschine laufen.
Von Frank-Michael Schlede
Bereits im Vorfeld der Berichterstattung rund um »Windows 7« hatte der so genannte Windows XP Mode für viel Aufsehen gesorgt: Versprach die Ankündigung von Microsoft doch, dem kommenden Desktop-Betriebssystem eine integrierte virtuelle Maschine mitzugeben. Damit bekommen viele Administratoren und Anwender eine Hilfe, wenn sie sich in der täglichen Praxis mit Anwendungen konfrontiert sehen, die auch mit vielen Tricks und Aufwand nicht dazu zu bewegen waren, auf den neueren Windows-Plattformen – sprich Vista – ihre Arbeit zu verrichten.
Ursprünglich sollte die Virtualisierungs-Software zeitgleich mit dem Erscheinen des Release Candidates von Windows 7 zur Verfügung stehen. Doch erst am 04. August verkündete Microsoft Manager Brandon LeBlanc dann die Verfügbarkeit des »Windows XP Mode Releases Candidates« im Windows Team Blog. Seit diesem Zeitpunkt können Anwender die Software direkt von den Microsoft-Seiten herunterladen und selbst unter einer RC- oder RTM-Version ausprobieren.
XP-Mode: Nicht für jeden Rechner gedacht
Wer aber seine Windows-7-Systeme mit dieser Zusatz-Software ausstatten will, sollte zunächst überprüfen, ob auf seinen Rechnern auch die notwendige Soft- und Hardwarevoraussetzungen für deren Einsatz gegeben sind. Zunächst einmal sind Stand heute nur drei der insgesamt sechs Versionen des Betriebssystems in der Lage, diesen Modus zu unterstützen. Dazu gehören neben der »Professional-« (sie entspricht der Vista-Business-Version), noch die »Enterprise-« und »Ultimate- Version« von Windows 7.
Damit will Microsoft nach eigenen Aussagen auch deutlich machen, dass es sich hier um eine Technologie handelt, die einzig und allein in Profihand gehört und nur auf entsprechenden Systemen zum Einsatz kommen soll. Ebenso wichtig ist aber die richtige Hardware: Der XP-Modus kann nur auf Systemen installiert und eingesetzt werden, deren CPU die Virtualisierung in Hardware unterstützt.
Eine 64-Bit-Architektur muss es sein
Bild 1. Nicht jede Hardware kann unter Windows 7 den XP-Modus unterstützen.
Dazu zählen alle CPUs, die mit der »Intel-VT-Technik« ausgestattet sind, und AMD-Prozessoren, deren Fähigkeiten die »AMD-V«-Erweiterung umfassen. Wer sich bei den in seinen Systemen eingesetzten Prozessoren nicht sicher ist, kann bei beiden Herstellern eine Software herunterladen, die einen Test durchführt und das Ergebnis wie in Bild 1 (dort mit einer Intel-Variante getestet) gezeigt, dann auf dem Bildschirm darstellt.
Wichtig dabei: Viele PC-Hersteller liefern ihre Systeme zwar bereits mit Prozessoren aus, die eine Virtualisierung in Hardware unterstützen, schalten dieses Feature aber standardmäßig zunächst einmal im BIOS aus – ein Blick in diese Einstellung sollte also auch zur vorbereitenden Überprüfung gehören.
Der Download der Lösung besteht aus zwei Software-Paketen: Einmal die Desktop-Virtualisierungslösung »Virtual PC 2007«, die als Release Candidate sowohl in einer 32- als auch in einer 64-Bit-Version zur Verfügung steht. Bei dem zweiten Paket, das sich der Anwender herunterladen muss, handelt es sich um eine virtuelle Maschine, in der Microsoft ein komplettes Windows XP (mit bereits integriertem XP 3) vorinstalliert hat.
Bild 2. Ein Account mit dem Namen XPMUser wird automatisch für das XP-System angelegt.
Nach der Installation der Virtualisierungssoftware, die dabei automatisch auch gleich eine virtuelle Festplatte anlegt, kann dann die virtuelle Instanz von Windows XP auf das System gebracht werden. Dabei wird ebenfalls automatisch ein Account mit dem Namen »XPMUser« für dieses XP-System angelegt (Bild 2). Dies ist dann die Standardkennung, deren Zugriffsberechtigungen sowohl zum Einsatz des XP-Modus auf dem Hostsystem als auch für den Gebrauch der jeweiligen Anwendungen, die im Kontext der virtuellen Maschine laufen, Verwendung finden.
Diese Daten kann der Administrator abspeichern, sodass er nicht bei jedem Gebrauch der virtualisierten Anwendungen, Namen und Passwort angeben muss. Diese Information besitzt aber einen Sicherheitsaspekt, den der Administrator kennen muss: Jede Anwendung, die auf dem Host-System im Kontext des Anwenders aktiv ist, der auf dem Host-System aktuell angemeldet ist, kann auf die Berechtigungen für den XP-Modus zugreifen und diese entsprechend verändern.
In der Praxis: Der PC auf dem PC
Im Test wurde der Release Candidate des XP-Modus auf einem PC-System getestet, auf dem zum Testzeitpunkt die Build-Version 7100 von Windows 7 RC installiert war. Es handelte sich dabei um die 64-Bit-Variante des Betriebssystems in der Ultimate-Version. Der Rechner war mit einer Intel CPU Core-2-Duo E6700 (2,66 GHz) und 4 GByte Hauptspeicher ausgestattet.
Dieser Prozessor verfügt über die notwendige Unterstützung für die Virtualisierung, daher stellte die Installation kein Problem dar und unterschied sich kaum von einer normalen Betriebssysteminstallation in einer virtuellen Maschine auf dem Desktop. Da die Microsoft-Entwickler alle Standardeinstellung vorgegeben haben, ließen sich die Betriebssystem-Software und die virtuelle Instanz schnell auf das System bringen.
Microsoft rät dringend dazu, die automatischen Updates für das XP-System zu aktivieren, denn schließlich handelt es sich hier um ein komplettes Betriebssystem, mit all den bekannten Angriffsmöglichkeiten. Aus dem gleichen Grund darf es der Administrator bei einer derart einfachen und schnellen Installation auf keinem Fall versäumen, auch für dieses zweite Betriebssystem auf dem jeweiligen Rechner, entsprechende Sicherheitslösungen wie Antivirus- und Antispam-Software zu installieren und zu pflegen.
Diese Anforderung ist sicher ein weiterer Grund, warum die Entwickler von Microsoft den XP-Modus nur auf den professionellen System installiert sehen wollen: Diese Pflege eines weiteren System auf der gleichen Maschine würde einen Heimanwender schnell überfordern und ein potenzielles Sicherheitsrisiko verursachen.
Bild 3. Integrationsfeatures erlauben den direkten Zugriff sowie Copy & Paste.
Während der Anwender normalerweise beim Einsatz von Virtual PC die so genannten Integrationsfeatures manuell nachinstallieren muss, werden diese hier automatisch integriert und in den Standardeinstellungen auch gleich aktiviert (Bild 3), sodass der Nutzer sofort und auch per Copy & Paste auf Ressourcen des Hostsystems zugreifen kann. Dazu zählen neben den Laufwerken und Festplatten (Bild 3) endlich auch Geräte, die über den USB-Anschluss mit der Host-Maschine verbunden sind: Eine Möglichkeit, die bisher nur unter dem Konkurrenzprodukt von VMware zur Verfügung stand.
Zudem ist es mit dieser Version Virtualisierungssoftware nun auch möglich, direkt von der Task-Leiste des Virtual-PC-Fensters aus die Zuordnung eines USB-Geräts (als von beiden Systemen oder exklusiv genutztes Gerät) zu verändern. Diese Einstellungen standen zuvor nur im Full-Screen-Modus zur Verfügung. Gerade der erste Zugriff auf ein Verzeichnis, das sich auf einem der Host-Drives befand, dauert beim Testsystem reproduzierbar etwas länger als gewöhnlich – danach vollzog sich die Integration aber in einem Tempo, das dem Anwender die Unterscheidung zwischen virtuellem und dem Host-System schwer machte.
Drei Netzwerkmodi bieten sich an
Der Netzwerkadapter der virtuellen Maschine kann, wie bei Virtual PC auch in den bisherigen Versionen üblich, auf drei unterschiedliche Weisen konfiguriert werden.
Standardmäßig steht der virtuellen Maschine zunächst einer der vier möglichen Netzwerkadapter zur Verfügung, der ebenfalls per Default-Einstellung als »Gemeinsam genutztes Netzwerk (NAT)« installiert ist. Bei dieser Einstellung teilt sich das System in der virtuellen Maschine die Verbindung zu einem physikalischen TPC/IP-Netzwerk mit dem Hostsystem und wird im Netzwerk nicht als eigenständiges System mit eigener IP-Adresse auftauchen.
Als zweite Option steht dem Anwender noch ein so genannter Brigde-Modus zur Verfügung, bei dem das virtuelle System direkt auf einen im Hostsystem vorhandenen Netzwerkadapter zugreift und mit eigener IP-Adresse als eigenständiges System im Netzwerk agiert.
Schließlich bleibt noch der dritte, der interne Modus, bei dem nur die virtuellen Maschinen untereinander im Netzwerk kommunizieren können.
Integration von Legacy-Anwendungen
Bild 4. Alte Software auch auf modernen Systemen.
Der interessanteste Anwendungsfall für den XP-Modus stellt aber sicher die Möglichkeit dar, Anwendungen, die nicht unter Windows 7 aber noch unter Windows XP laufen, so zu verwenden, dass es für den Anwender wirkt, als würde er einfach eine Anwendung vom Window-7-Desktop aus starten. Diese Möglichkeit steht auch bei Microsofts großer Lösung zur Desktop-Virtualisierung der »Microsoft Enterprise Desktop Virtualisierung« (MED-V) und bei verschiedenen Lösungen aus dem Umfeld des Terminalservers zur Verfügung, ist aber neu auf dem einzelnen Desktop.
Dazu war es in unserer Testumgebung zunächst einmal nötig eine entsprechende Anwendung zu finden, die nicht direkt unter Windows 7 installiert und verwendet werden konnte. Nach kurzer Recherche haben wir uns dann dazu entschlossen, eine ältere Version von Adobe Acrobat (in diesem Fall Adobe Acrobat 6.0 in der Standardversion) zu verwenden, da diese Software nachweislich schon bei der Installation unter Windows 7 die Zusammenarbeit verweigert. Innerhalb der virtuellen Maschine mit direktem Zugriff auf das DVD-Laufwerk des Host-Systems war es hingegeben kein Problem, diese Software in der gewohnten Art und Weise zu installieren, wie das Bild 4 zeigt.
Bild 5. Eine Anwendung wurde veröffentlicht und erscheint im Startmenü.
Danach kommen dann wieder die schon erwähnten Integrationsfeatures zum Einsatz: Die virtuelle Maschine besitzt nun eine Einstellung, die als »Autoveröffentlichen« bezeichnet wird und ebenfalls auf dem Screenshot in Bild 3 zu sehen. Durch das Aktivieren dieser Option werden Anwendungen, die im XP-System in der virtuellen Maschine installiert werden, automatisch auch im Startmenü des Windows-7-Hostsystems als Anwendungen mit dem Zusatz »Windows XP Mode« eingetragen und können direkt von dort gestartet werden (Bild 5).
Diesen Eintrag kann der Anwender dann wie gewohnt auch als Link auf den Desktop legen oder wie neu unter Windows 7 möglich direkt aus dem Startmenü heraus an die Taskleiste heften. Wird eine solche Anwendung dann wie ebenfalls gewohnt direkt mittels Doppelklick gestartet, so sieht der Anwender zwar kurzzeitig, dass nun die virtuelle Maschine gestartet wird, danach steht ihm aber die Anwendung in einem normalen Fenster zur Verfügung (Bild 4), das nur durch seine fehlende Transparenz und dem »alten Windows-Look« seine Herkunft verrät. Auch beim Starten dieser Art von Anwendungen konnten besonders beim allerersten Start ein deutliche Verzögerung feststellen, die aber im späteren Regelbetrieb nicht mehr auftrat.
Dieser kurze Test zeigt, dass der XP-Modus der professionellen Versionen von Windows 7 genau das erfüllt, was von den Microsoft-Entwicklern angekündigt wurde: Er stellt eine Möglichkeit zur Verfügung, vorhandene alte Anwendungen oder auch neuere Programme, die noch nicht für Windows 7 entwickelt wurden, auch auf einem solchen System einzusetzen. Natürlich muss sich ein Systemverwalter, der eine derartige Lösung in seinem Unternehmen einsetzt, immer über die Konsequenzen dieser Installation im Klaren sein: Auf den entsprechenden System wurde eine weitere Betriebssystemversion installiert, die wie alle anderen Betriebssysteme auch Wartung, Update und Pflege erfordert und in die üblichen Zyklen der Systembetreuung aufgenommen werden muss.